Mein Job

Als Tierarzthund habe ich nicht nur einen Job, mein Arbeitstag ist lang, anstrengend, aber interessant.

 

Meine wahre und wichtigste Profession ist die des Wachhundes auf dem Kastanienhof. Jeder schätzt und respektiert mich, mein Auftreten ist aber auch dementsprechend selbstsicher bis furchteinflößend.

Stimmlich habe ich alle Tonlagen drauf: Belle ich hinter der Haustür, wenn es klingelt, meint jeder, es warte ein fünfzig Kilo schwerer Rottweiler auf ihn. Frauchen nennt mich dann "Groll" und ich finde das nicht witzig.

Ich musste lernen, niemanden anzuspringen, wenn die Haustür sich öffnet, manchmal vergesse ich das aber noch, Frauchen ist dann "not amused".

Sie findet es saublöd,  den Gästen zu sagen "der tut nix" oder "das hat sie noch nie gemacht". Ich soll mich entsprechend benehmen, ich muss keinem um den Hals fallen, aber ich soll auch niemanden zu Tode erschrecken.

Fährt aber ein Auto auf den Hof und es steigt einer aus, den ich nicht kenne, dann wird er von mir Kopf an Knie zur Haustür begleitet und ich bleibe so lange auf engster Tuchfühlung, bis Frauchen die Tür öffnet und ich sehen kann, dass der Eindringling willkommen ist.

Kommt jemand, den ich kenne, quietsche ich laut und springe wie ein Flummie, so dass wir uns Aug in Aug begrüßen können.

Auch das Postauto ist herzlich willkommen. Schon als ganz kleiner Welpe signalisierte man mir mit Leckerchen "gut Freund" und ich sorgte dafür, dass dieses Ritual beibehalten wurde. Ich würde ja gerne die Post vom Auto ins Haus bringen, aber wenn ich dann das Leckerchen bekomme, fallen mir Zeitungen und Briefe aus dem Maul und deshalb muss sich der Postbote nun doch gen Briefkasten bewegen.

Letztens kam ein neuer, der scheinbar von seinen Kollegen nicht aufgeklärt wurde, wie das auf dem Kastanienhof so läuft. Er traute sich nicht aus dem Auto, ich bekam kein Leckerchen, also wich ich auch nicht von der Autotür. Frauchen beobachtete uns und kam amüsiert aus dem Haus, um den Postboten-Azubi um unsere Post zu erleichtern. Sie brachte Leckerchen mit, doch dieser Schisser traute sich ja noch nicht einmal mir eines durchs offene Fenster zu reichen. Als er vom Hof fuhr, rannte ich laut kläffend neben dem Auto her, um meinem furchterweckenden Ruf auch gerecht zu werden.

 

Zu meinen weiteren Augaben gehört es, die Pferde von den Boxen auf die Weide und im Winter auf den Reitplatz zu begleiten und dafür zu sorgen, dass sie sich als Herde gut benehmen. Ich habe es schon hingekriegt, dass sie alle mit dem Hintern nach innen, mit den Köpfen nach außen inmitten der Weide standen und sich nicht trauten, auch nur das Maul zum Fressen ins Gras zu stecken, weil ich sie mit einiger Lautstärke umrundete und dafür sorgte, dass sie blieben wo sie waren.

Da klärte mich dann aber meine Freundin Katja, Pferdepflegerin von Beruf, auf, dass das nicht Sinn des Weideganges sei und dass ihr mein Übereifer gehörig auf den Keks ginge.

Nach einer leidvollen Konfrontation mit Frauchens rotem Feuerstuhl, "Löwensteins Fantasie" mit Namen, habe ich gelernt, dass diese Riesentiere extrem harte Füße haben, die sie teleskopartig in alle Richtungen ausfahren können. Außerdem legen sie, wenn sie sich ärgern, die Ohren zurück und verfolgen einen mit offenem Maul. Erwischt hat mich bisher noch kein Pferdezahn, aber wenn ich mir so Frauchens blaue Flecke auf den Armen und Beinen betrachte, kann ich auf diese Erfahrung auch gerne verzichten.

 

Mein zweiter Job ist der eines Tierarztbegleithundes. Ich fahre mit Herrchen auf Praxistour und auf fast jedem Hof treffe ich meine Freunde.

Ich bin ein optimal sozialisierter Schnauzer (meine Züchterin in Augsburg hatte mir schon so viel gezeigt und mit meinen Schwestern, Brüdern, Cousins und Cousinen habe ich so manchen Strauss ausgefochten...).

Ich habe bisher auch die aggressivsten Hofhunde für mich eingenommen, sie schmelzen wie Wachs in meiner Hand. Herrchen sagt, ich hätte einen besonderen Charme, mit dem ich Zwei- und Vierbeiner einzuwickeln verstehe, ich finde, ich bin, wie ich bin und das ist gut so!

Auf den Höfen finde ich Dinge, die ich entweder sofort aufesse, oder die ich, ehe ich mir sicher bin, ob sie mir gut tun, erst einmal durch Vergraben zwischenlagere.

Alle, die mir zuschauen, sind begeistert, wenn ich nach dreimonatiger Abwesenheit auf dem Hof zielsicher in eine Ecke der Reithalle marschiere, kurz grabe und mein Schatzkästchen plündere.       

Herrchen nimmt mich gerne mit auf Praxistour, aber es gibt Spielplätze und aber auch Orte, an denen ich im Aiuto warten muss, bis er seine Arbeit getan hat. Das ist natürlich langweilig und deshalb habe ich auch noch einen dritten Arbeitsplatz, die Tierklinik Kaisereiche.

Unsere Tierklinik ist Frauchens Revier. Ich bewache dort das Büro, ich habe mein Körbchen unter einem der Schreibtische, aber wenn dort ein Mensch auftaucht, dem ich gefühlsmäßig misstraue, dann geht schon mal der Punk ab. Das finden die zwei Bürodamen nicht so passend und weisen mich zurecht. Unter meinem Schreitisch mache ich aber auch dann aus meinem Herzen keine Mördergrube und gebe den "Groll-Light". Man nimmt wahr, dass ich was zu sagen habe, aber ich spiele mich nicht in den Vordergrund. Sollte hinterher die Kasse nicht stimmen, ich habe gewarnt, tut nicht so, als hättet Ihr mich nicht gehört!

In den Pausen spiele ich mit meinem Freund Sky, einem Malinois. Er ist der Größte, fängt Ball und Frisbee immer vor meiner Nase weg, er ist schnell und athletisch, einfach ein attraktiver Mann, aber wir sind nur Freunde, ich sagte es schon.

Es macht Spass, mit ihm auf dem Flachdach des Kliniksanbaus rumzutoben, und wenn wir ausprobieren, ob das Eis des Schwimmbades uns noch trägt, ist das einfach ein Abenteuer am Arbeitsplatz, wer hat schon so einen Alltag!

  

 

Wer ist stärker? Mein Freund oder ich?